Dreihundertfünfundsechzig und ein Text
Mittwoch, 23. Dezember 2015
Dreihundertsiebenundfünfzig (Narziß)

Müde des spiegelnden Wartens dunkelt das Ufer die Bilder.
     Widergeleuchtet zum Grund sind sie sich selber genug.
Wo es den Jüngling vergaß, tauscht Wasser für Lippen die Blume.
     Sittsam betrachtet vom Kelch wölbt sich der Spiegel zum Kuß

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Dienstag, 22. Dezember 2015
Dreihundertsechsundfünfzig (Haltepunkte)

Du schenkst mir mit den Blicken Haltepunkte
wo ich an Zugbahnhöfen mich in falben
Gemengen drohe aufzureiben. Salben
sind deine Augen mir. Wenn du getunkte

Antennen streckst, verneint der Tag die Grenzen,
verschiebt das Licht sich fort zu tiefern Röhren,
und niemand ächzt, den hohen Platz zu stören,
wo sich die Pflichten sammeln, uns zu schwänzen.

Das Bett ist schön, wie uns die Decken leiden,
und alles, was wir tun, hat seine Zunft
mit uns. Wir wolln, und brauchen nichts zu werben.

So wünschte ich, wir müßten nie mehr scheiden:
wir wohnten im Gehäuse unsrer Brunft,
und formten uns zum Ton aus feuchtem Scherben.

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Montag, 21. Dezember 2015
Dreihundertfünfundfünfzig (Solstitium)

Nach vielen Meilen Wegs gelangen wir zur Kreuzung am Waldrand. Die Hütte ist leer, ein Feuer niedergebrannt. Am Holzstoß modern die Ränder des frühen Abends. Ein steinernes Kreuz nagelt den Himmel an seinen Ort. Der Weg war weit, und im Tal fahren schon wieder die Züge. In unseren Händen zeigt uns die Karte die Fundamente der Dämmerung.
Und bevor wir es wieder eilig haben, kommt die Zeit zwischen den vier Richtungen zur Ruhe. Alle Wege führen nach Haus. Alle Stunden liegen in unseren Stirnen. Wohin wir uns auch wenden, der Pfad nimmt uns bei der Hand, ich drehe mich nach dir um, und in deinen Augen kommt der große Horizont zu einsamem Frieden.

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Sonntag, 20. Dezember 2015
Dreihundertvierundfünfzig (Voller Mund)

Wie ich das nenne, möchtest du, daß ich dir sage, nachdem du
     wieder bei Atem bist, seliglich in meinem Arm.
Ich aber lächle und schweige und leg auf den Mund dir den Finger:
     Ist es doch keine Art, wenn man mit vollem Mund spricht.


Worte beim Lieben mag ich, doch mehr noch als Worte die Taten.
     Doch, was am liebsten ich hab: Wenn du benennst, was du tust.
Tatest du’s, frag ich, wie’s heißt, und küsse dich, kannst du’s nicht sagen:
     Der, die zu voll ihn nahm, nehm ich das Wort aus dem Mund.

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Samstag, 19. Dezember 2015
Dreihundertdreiundfünfzig (Motte)

Im Dunkel kommt die Motte angeflogen
aus nirgendwo; in Schwarz ein schwarzes Schwirren,
als würde die Struktur des Dunkels irren,
und hätte sich in einen Punkt gezogen,

in dem Bewegung strebt, sich festzuzurren
an nichts als Raum. Als streifte dich im Dunkel
die Wimper unsichtbaren Blicks, Gefunkel
von Gänsehaut. Ein Schaudern. Blindes Schnurren,

ein Nichts und doch ein Etwas, das dich rührt,
das lebend scheint und dennoch ohne Leben,
als stäubte Flaum dem Dunkel aus den Taschen.

Hat keinen Ort, noch Ziel, wohin es führt;
und wie du haschst, so ist es nicht zu haschen:
Das Dunkel denkt nicht dran, sich preiszugeben.

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Freitag, 18. Dezember 2015
Dreihundertzweiundfünfzig (Nachts im Winterwald)

Die Flügel haben sich gelöst. In schlaffen
Geländen ankert flach die Dunkelheit.
Ein Schillern sieht sich selbst. In Eitelkeit
erstarrt das Eis, läßt sich vom Mond begaffen.

Die Wimper klirrt. Aus Schritten Wege sprießen.
Zwei Schatten recken sich am Bein wie Waffen
zur Meuterei. Aus Pfützen Knie fließen.

Ein Stern das Auge pinnt mit Flüsterspießen.
Nahbei ein Kauz. Gejohl von Geisterpfaffen.
Nicht Heim, nicht Haut. Aus Fingern Fröste schießen.

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Donnerstag, 17. Dezember 2015
Dreihunderteinundfünfzig (Letzte Tage Herbst)

Licht ist verpackt in Taschen.
Die Räume: ausgeschlagen mit Samt.

Die Bäume so stumm, als steckten
in ihnen Schreie fest.

Die Luft bekommt Haut wie
gekochte Milch.

Stumpf liegt der Strom in der Tiefe,
als häute er sich aus seinen Spiegeln.

Dampfende Blicke tauchen in Schatten
wie Zungen in eiskalten Sirup.

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Mittwoch, 16. Dezember 2015
Dreihundertfünfzig (Kirchen)

brüllen, brüllen. die
reizbaren glocken im turm
löwen im käfig

hinter dem ziffernblatt
die werkstatt des wolkenschwarms
wo zeit gemacht wird

wie kescher kreisen
die zeiger an der turmuhr
fischen nach vögeln

zitternd im spiegel
lernen die fenster sehen
mit wolkenaugen

gräber im schatten
strecken sich nach dem schlußstein
des großen bruders

vor dem glockenstuhl
unbeeindruckt vom lärm der
leise schmetterling

von außen gesund
doch innen glüht das geschwür
der fensterrose

vor dem fundament
nur knapp verfehlt der turmfuß
die flinke schnecke

türme ziehen straff
daß der Himmel nicht durchhängt
über den feldern

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Dienstag, 15. Dezember 2015
Dreihundertneunundvierzig (Morgenlied, er)

Einmal war ich im Traum meine eigene Freundin, ich fand mich
     nackt am Spülsaum der Nacht, wo er im Schlummer noch lag,
sah, die Hände voll Schilf, daß ein zärtlicher Traum mich wohl regte;
     und, wie den Mund er mir füllt, ward er in ihr wieder ich.

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Kommentare
Über Straßenbahnfahrten schreiben kann
auch nicht jeder ... (Das heißt. Könnte auch Bus sein.)
Lakritze, vor 5 Jahren
;)
wilhelm peter, vor 5 Jahren
April, April.
Lakritze, vor 5 Jahren
wer weiss
erkennt kalendarische kontexte
wilhelm peter, vor 5 Jahren
Ah, stimmt. Da war
noch eins.
Solminore, vor 5 Jahren
Oh, mehr Baugrubenverse! Schön,
Ihre Distichen.
Lakritze, vor 5 Jahren
grosse gefühle tief gegründet Aus
dem stillen Raume Aus der Erde Grund Hebt sicht wie...
wilhelm peter, vor 5 Jahren
Lesezeichen. Baugrubenlyrik kannte
ich nicht. Mag ich.
Lakritze, vor 5 Jahren
das ist sehr sehr
schön.
don papp, vor 5 Jahren

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